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Über das Wesen der Farbe

Wir erleben stetig wach oder im Traum eine farbige Welt, ohne uns dessen bewusst zu sein. Farben sind Ausdruck von Lebenslust und persönlichem Stil und dienen der Kommunikation. Farben eines Landes ( Heraldik / Flaggen ) oder einer Fußballmannschaft sind Identifikationsmerkmale sozialer Gruppen und spielen als Informationsträger eine wesentliche Rolle. Jede einzelne Farbe hat, gesehen oder nur vorgestellt, psychologisch ihre eigene, faszinierende Wirkung, die spontane Stimmungen hervorruft und Gefühle von Menschen beeinflusst. Und niemand kann sich der Wirkung von Farben entziehen. Farben können als Übermittler von Empfindungen benutzt werden, sie können aber auch Gefühle hervorrufen, Stimmungen erzeugen und auf seelische und körperliche Vorgänge Einfluss nehmen. Die Farben bestimmen, wie wir uns in Räumen fühlen: ängstlich, missmutig und traurig oder gelöst, heiter und ungezwungen. Wir können Farben und ihre Wirkung nicht ignorieren oder ausblenden. Das ist ebenso unklug, wie sich durch Farben überreizen und beherrschen zu lassen. Es kommt also darauf an, die durch Farben ausgelösten Emotionen positiv gestalterisch zu nutzen, im Sinne - Emotionaler Intelligenz -. Der modernen Psychologie geht es darum, eine möglichst eindeutige Beziehung zwischen den Farben als Erscheinung und den davon ausgehenden psychischen Verhaltensweisen im Denken, Fühlen und Handeln der Menschen zu erforschen. Es wird davon ausgegangen, dass das Farbempfinden nach einem dem Menschen innewohnenden kollektiven Muster erfolgt. Eine auf bestimmte Situationen ausgerichtete Farbgebung kann daher die Lebensqualität und das Wohlgefühl erheblich steigern.

Schon die ersten farbigen Höhlenmalereien vor 10000 - 35000 Jahren übermitteln uns noch heute beeindruckende, emotional empfundene menschliche Zeugnisse .

Betrachtet man durch unterschiedliche Glasfarben eine Landschaft, kann man schnell erfahren, wie sich das psychologische Erleben dramatisch verändert.

- Farbe ist das Leben, denn eine Welt ohne Farben erscheint wie tot. Das Wesen der Farbe ist ein traumhaftes Klingen, ein Musik gewordenes Licht. -
Johannes Itten

- Farben sind das Lächeln der Natur. -
James Henry Leigh Hunt

Die Angaben über die Anzahl der erkennbaren Farben sind unterschiedlich, sie reichen von 100.000 bis zu drei Millionen erkennbaren Farben .

Farbsehstörungen werden mit 8% bei Männern und 4% bei Frauen angegeben. ( Grünschwäche 50%, Grünblind 25 %, Rotschwäche 10%, Rotblind 15%. Blauschwäche und totale Farbblindheit kommen selten vor.)

Eine Farbe wird, da sie einer bestimmten Wellenlänge entspricht, technisch von jedem Menschen gleich gesehen, jedoch unterschiedlich empfunden.
Wie jeder Mensch ein eigenes Wesen hat, gehören auch bestimmte Farben zu ihm. Dies ist im Übrigen weiter abhängig von Alter, Geschlecht, Sehvermögen, gesundheitlichem Zustand und den Erlebnisverknüpfungen ( Assoziationen ). Hier entsteht ein subjektives Farberleben.
Studien weisen nach, dass Menschen, die über einen längeren Zeitraum weißen und grauen Farben dauerhaft ausgesetzt waren, unter anderem mit Nervosität und depressivem Verhalten reagierten.

Über die Aufnahme einer bestimmten Wellenlänge reagiert, physisch gesehen, jeder Mensch gleich. Die Farbwahrnehmung aber wird individuell erlebt und gewertet. Dieses geschieht über persönliche Erfahrung, Assoziationen kultureller und symbolischer Bedeutung.
Studien weisen nach, dass Menschen, die über einen längeren Zeitraum weißen und grauen Farben dauerhaft ausgesetzt waren, unter anderem mit Nervosität und depressiven Verhalten reagierten.

Viele bedeutende Menschen haben sich mit dem Phänomen der Farbe seit ca. 2600 Jahren befasst : Von Pythagoras, Konfuzius, Empedokles, Demokritos, Aristoteles, Platon, Thomas von Aquin, Leonardo da Vinci, Albrecht Dürer, Isaac Newton, Johann Wolfgang Goethe (Farbenlehre), Thomas Young, Philipp Otto Runge, Arthur Schopenhauer, Hermann von Helmholtz, Ewald Hering, Paul Gauguin, Vincent van Gogh, Adolf Hoelzel, Albert Henry Munsell, Wassily Kandinsky, C. G. Jung, Paul Klee, Carl Wilhelm Ostwald, Le Corbusier, Johannes Itten, Ernst Jünger, Paul Cézanne, Farber Birren, Stefanescu Goanga, Sven Hesselgrens, Fister / Heiß, Heinrich Frieling, Max Lüscher , Eckart Heimendahl bis Prof. Dr. Diether Höger u.a. Die Forschung wird an den Universitäten der ganzen Welt eifrig weiter betrieben.

Sehr eindrucksvoll und intensiv beschreibt der Literatur-Nobelpreisträger 2006, Orhan Pamuk, in seinem Buch „Istanbul, Erinnerungen an eine Stadt“ in dem Kapitel „Schwarz – Weiß“ die deprimierende und bedrückende Stimmung der Farblosigkeit in Istanbul.

Um dem Wesen der Farbe näher zu kommen, werden wir in Folge die Grundfarben beschreiben und beginnen mit der Farbe ROT.

Aus dem gesamten sichtbaren Spektrum von 400 - 800 nm ist Rot im langwelligen Bereich von 600 nm Orangerot - 780 nm Blaurot vertreten. Das eigentliche Rot misst 700 nm.

Die Farbtonerscheinung kann sich über Temperaturen verändern : - thermochrome Farben - z.B. Silbertetrajodomercurat. Diese Farbe verändert sich über Temperaturerhöhung von 35° C Zitronengelb zu einem tiefen Rot bei ca. 1000° C. In der Technik werden diese Farben zu Temperaturbestimmungen eingesetzt.

Rot ist die erste Farbe, der Menschen einen Namen gaben, die älteste Farbbezeichnung in den Sprachen der Welt. Nach Untersuchungen von Berlin und Kay gehört der Farbname Rot zu den primären Farbbezeichnungen der Menschen. Begriffe für Farbnamen sind ein elementarer Bestandteil im Wortschatz jeder Sprache und gehören zu den wichtigsten Informationsträgern.

ROT / RED / ROUGE / ROJO / ROSSO / VERMELHO / ROOD / RØD / PUNAINEN / KIRMIZI / KRASIWI / CZERWONY / PIROS /

Weitere Farbbezeichnungen: Feuerrot, Blutrot, Signalrot, Mohnrot, Rosenrot, Karminrot, Zinnoberrot, Scharlachrot, Rubinrot, Magenta, Ziegelrot, Englischrot, Ochsenblutrot, Terracottarot, Braunrot, Erdrot, Pompejanischrot, Schwedenrot, Litholrot, Kadmiumrot, Spektralrot, Alizarinrot, Bordeauxrot, Rubinrot, Purpurrot, Schwarzrot, Oxidrot, Beigerot, Korallenrot, Erdbeerrot, Kirschrot, Himbeerrot, Tomatenrot, Weinrot, Verkehrsrot, Lachsrot, Orientrot, Dunkelrot, Hellrot, Rostrot, Pink, Kupferrot, Fuchsrot, Fleischrot, Backsteinrot, Ferrarirot, Holunderbeerenrot, Eisenoxidrot, Mennigerot, Abendrot.

Die Eigenhelligkeit von Rot beträgt ca. 15% gegenüber Gelb 68 % und Blau 11% . Die Komplementärfarbe - Gegenfarbe - von Rot ist Grün. Dieses kann im so genannten Sukzessivkontrast ( Nachbild ) überprüft werden. ( Siehe Experiment Nachbild / Farbforschung )

Rote Minerale und Edelsteine: Granat / Rubin / Zinnober / Kupfer / Eisenerz
Rote Blüten: Rose / Heide / Nelke / Klatschmohn / Fuchsie / Begonie
Chemische Elemente: Lithium / Kalium / Strontium / Rubidium
Rote Farbmittel: Eisenoxid / Eisenhydroxid / Zinnober / Häm / Krapp / Purpur / Mennige / Cochenillelaus .

In der Beliebtheit der Farben wird Rot mit 16,6% angegeben. Altersabhängig hat bei Kindern von 5 - 8 Jahren Rot die höchste Bewertung.
Rot findet sich am häufigsten in den Farben der Nationalflaggen. Von 200 Nationalflaggen zeigen: 146 rot, davon vorherrschend 31, z.B. Schweiz / Dänemark / Kanada / China / Indonesien / Polen / Albanien / Marokko / Türkei / Tunesien / Vietnam .
In der Heraldik wurde Rot ebenso häufig benutzt. Von 80 Wappen zeigen 45 Rot.
Rot als symbolische Bedeutung ist die Wahrnehmung und Übertragung der Farbe des Blutes und des Feuers. Die Symbolkraft Rot für das animalische Leben, im Gegensatz zu Grün als pflanzliches Leben. Seit allen Zeiten hat sich die Farbe Rot durch alle Kulturen und Lebensbereiche als bedeutendes Symbol in seiner intensiven Wirksamkeit gezogen.
Rot: Temperament - Choleriker / Planet - Mars / Metall - Eisen / Element - Feuer / Form - Quadrat / Blume - Rose / Tierkreiszeichen - Widder .

Es ist erstaunlich, wie sich die Kraft und die Schönheit von Rot auf das Gefühlsleben von Menschen auswirkt.
Mit Rot verbindet sich für uns die Erfahrung der Farbe des Blutes - Leben - Opfer und des Feuers - Licht - Wärme als Urerfahrung . Rot umfasst die Skala von Purpurrot, der Farbe der Würde und Erhabenheit , Rot als Farbe der Liebe, bis hin zum Gelbrot als aggressiv, kriegerisch und gewalttätig. Obwohl noch keine eindeutigen Ergebnisse vorliegen, ist experimentell nachgewiesen, dass Rot als Licht eine sehr starke Wirkung auslöst. So wird durch rotes Licht die Saatkeimung wesentlich gefördert. Experimente in Japan haben gezeigt, dass bei Rotbestrahlung das Wachstum von Meerschweinchen rapide zugenommen hat. Ebenso erhöhte sich der Blutdruck . Medizinisch wird das Rotlicht bei bestimmten Therapien erfolgreich eingesetzt.

Rot steht für Kraft, Erregung und Antrieb. Rot ist nach Untersuchungen die kräftigste und stärkste Farbe. Goethe stufte sie in seiner Farbenlehre als - höchste Steigerung der Farben - ein . Sie gilt als: brillant, erregend, lebhaft, hitzig, erwärmend, leidenschaftlich, laut, Reizzuwendung, Feuer, Eros, Gefahr, Blut, Macht, Kraft, Liebe, Nähe. Rot erscheint näher und aufdringlicher als alle anderen Farben.

Kandinsky vermerkt dazu: -Eine Farbe, trotz aller Energie und Intensität eine starke Note von beinahe zielbewusster Kraft.-

Goethe schreibt in seiner Farbenlehre über Rot: - Die Wirkung dieser Farbe ist so einzig wie ihre Natur. Sie gibt einen Eindruck sowohl von Ernst und Würde, als von Huld und Anmut. Jenes leistet sie in ihrem dunklen verdichteten, dieses in ihrem hellen verdünnten Zustande. Und so kann sich die Würde des Alters und die Liebeswürdigkeit der Jugend in eine Farbe kleiden.-

Und Ernst Jünger schreibt: - Rot ist unser irdischer Lebensstoff, wir sind ganz und gar ausgekleidet mit ihm. Die rote Farbe ist uns daher nahe - so nah, dass zwischen ihr und uns kein Raum zur Überlegung besteht. Sie ist die Farbe der reinen Gegenwart; unter ihrem Zeichen verständigen wir uns auf sprachlose Art. -

- Wenn unter Rot alles rote zusammengefasst wird, ist es die Farbe der vollen Lebenskraft, Herrschaft und Gewalt, der Liebe und der Macht. Blut und Feuer sind die Elemente, die Rot durch alle Zeiten und Kulturen die symbolische Bedeutung verleihen. Die Wirkung der roten Farbe wurde in den meisten Fällen als stark erregend, erwärmend belebend angegeben. Man fühlt sich unter ihrer Einwirkung willenlos, als stünde man unter einem Zwang. Diese Farbe hat eine anspornende, angreifende Wirkung. Fast immer war die erregende Gefühlsbetonung mit Lust verbunden.- Stefanescu Goanga

Nach Untersuchungen über Farben zu Eigenschaften und Gefühlen von Eva Heller, ist vorwiegend Rot bei den Begriffen:( Prozentangaben ) Liebe 90 / Erotik 69 / Leidenschaft 61 / Wut, Zorn 60 / Aggressivität 58 / Sexualität 53 / Hitze 51 / Gefahr 48 / Wärme 47 / Energie 44 / Begierde 39 / Verbot 38 / Verführung 37 / Kraft 36 / Nähe 33 / Aktivität 32 / Attraktiv, Anziehend 31 / Laut 31 / Freude 29 / Brutalität 27 / Dynamik 27 / Hektik 26 als Ergebnis aufgezeichnet.

Rot ist die Liebe . Man errötet vor Scham . - Errötend folgt er ihren Spuren....- heißt es in Schillers Lied von der Glocke. Vor Zorn wird man rot . ( Ein Mann sieht rot ) Rot ist die Farbe des Blutes und des Krieges, des Kriegsgottes Mars. Der rote Planet. Rot vermittelt Kraft und Mut . Aus diesem Grund trugen Krieger rot. Im alten Irland waren es die -Ruad - , die Roten. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts trugen Soldaten bevorzugt rot . Die roten Streifen an der Uniform der Franzosen z.B. Erst als der Kampf Mann gegen Mann durch technische Mittel ersetzt wurde, ist Rot gegen Tarnfarben ausgetauscht.

Rot die Farbe des Feuers. ( Den roten Hahn setzen. - Das Haus anzünden. ) -Der so oft den roten Hahn meilenweit von fern gerochen - Eduard Mörike - Der Feuerreiter. In manchen Gegenden gilt als volkstümliche Überlieferung: Dass dort, wo der Blitz einschlägt, ein Rotkehlchen brütet. Auch gilt es als gefährlich, bei Gewitter eine Alprose bei sich zu tragen. In Ostpreußen war man der Meinung, dass ein Feuer ausbreche , wenn eine Braut etwas rotes in Ihrer Kleidung habe. - Rotes Haar - da droht Gefahr" Rot ist die Farbe der Korrektur. Man schreibt rote Zahlen. Es fällt etwas dem Rotstift zum Opfer. Der rote Faden, der sich durch eine Geschichte zieht. Die englische Marine kam auf die Idee, ihre Taue mit einem roten Faden zu durchwirken, um sie vor Diebstahl zu schützen. Alles durch eine rosarote Brille sehen. Die -Rote Karte zeigen.- Die rote Liste ( Warnung vor nahem Aussterben bestimmter Tierarten ). In der Medizin -Die Rote Liste- der Medikamente.

Rot die Farbe des Henkers und der Justiz. Mit roter Tinte unterschrieben die Richter die Todesurteile. Bis heute hat sich das Rot in den Roben der Richter des Bundesverfassungsgerichts erhalten.

In Russland hat Rot eine durchaus positive Bedeutung, so bedeutet im russischem rot : wertvoll und schön.
Die rote Ecke war der Platz für die Ikonen. Der Rote Platz. Bär und Zobel sind Rotes Wild, nicht weil das Fell rot ist, sondern weil ihr Fell wertvoll und teuer ist. Die vorherrschende Farbe der Festtagskleidung war rot und in der Ausstattung der Wohnungen spielte diese Farbe eine erhebliche Rolle. Dies ist im Ausstellungskatalog zu - Rot in der Russischen Kunst - dokumentiert. Die Symbolik der roten Farbe ist bis heute für das russische Volk von tiefer Bedeutung. Rot - Krasiwi und Schön sind im russischem ein Begriff z.B. -krasnaja dewiza ( Schönes Mädchen ), krasnyj molodez ( schöner junger Mann ), krasnaja zena ( guter Preis ),krasnyj djen ( schöner Tag, schönes Wetter ). Der Ausspruch - moja krasnaja jagodka - ( mein rotes Beerchen ) ist zu verstehen mit: - wie schön du bist ,meine Geliebte -.

Das festliche Hochzeitsgewand der Braut in Russland war traditionell rot, bis es nach westlicher eeinflussung im 18. Jahrhundert durch weiß ersetzt wurde.

Die - purpurgeborene Prinzessin Anna- ( porphyrogenetos ) , Schwester des byzantinischen Kaisers Basileios II. wurde als Dank für Verteidigungshilfe gegen den Einfall der Usurpatoren Wladimir zur Frau gegeben.
Zum Ende des 18. Jahrhunderts, während der französischen Revolution, wurde die Farbe rot erstmalig als Symbol des revolutionären Kampfes und der Freiheit verstanden.

Bei den nord- und mittelamerikanischen Indianern hatte Rot die symbolische Bedeutung von Glück und Schönheit. Sie galt für die Himmelsrichtung Westen. Rote Markierungen machten Ankömmlinge auf die Territorien aufmerksam.

In der liturgischen Farbabfolge der Kirche wird Rot an Pfingsten und allen Märtyrer- und Apostelfesten verwendet.

Nach der zur Zeit gültigen gesellschaftlichen Norm ist rot eine männliche Farbe, als Symbol für Kraft und Aktivität. In Japan gilt Rot als Frauenfarbe. Bei veränderten sozialen Verhältnissen ist eine veränderte Farbsymbolik zu erwarten.

Rot spielte und spielt in der Kleiderordnung eine außergewöhnlich große Rolle. Rot war in der sozialen Wertevorstellung die bevorzugte und vornehmste Farbe und behauptete sich im Spätmittelalter als Vorrecht des Adels. Der herrschende Adel verbot dem Volk bei Todesstrafe das Tragen der roten Farbe. Erst als die Bedeutung des Adels abnimmt, verliert auch das Rot an Bedeutung. In der Freiburger Kleiderordnung von 1524 / 1525 wurde auch den Gelehrten ein roter Mantel zugestanden. Da die Obrigkeit gegenüber dem Geldadel an Einfluss verlor, wurde das Tragen von Rot immer mehr eine Symbolik des Reichtums. Noch im 18. Jahrhundert heirateten die Nürnberger Patrizierinnen in roten Kleidern, der Bräutigam trug rote Hosen. Die weltlichen Fürsten liebten es, ihren Hofstaat bei feierlichen Anlässen in Rot zu kleiden. Zur Einführung des so genannten Lutherrocks wurde 1842 in Preußen als Fakultätsfarbe Purpur für die Juristen und Scharlachrot für die Mediziner eingeführt. Als Folge der Studentenbewegung 1968 sind diese Farben weniger zu sehen. Die feierlich kostbare Wirkung der roten Farbe machte sich auch Napoleon zu Nutze, als er zu seiner Krönung 1804 einen Mantel in dieser Farbe wählte. Wie stark die Bedeutung der Farben war, zeigt u.a. eine Braunschweiger Ratsverordnung von 1653 für die Farben der Brautkisten: - Die Farbe der Brautkisten sei im ersten Stand rot, im zweiten grün, im dritten licht- und dunkelgrün, und im vierten mit geringer Farbe.- Heute werden andere Symbole für den Wert der Bräute benutzt. Wer sich heute rot kleidet, will mit Sicherheit nicht ungesehen bleiben.

Das edelste Rot war das Purpur . Könige wurden in purpurrote Mäntel gekleidet. Kardinäle tragen den Kardinalspurpur. Purpurrot sind, wie erwähnt, die Talare der obersten Richter noch bis heute. ( Leider wird die Erscheinung der edlen Kleidung durch den Hintergrund der Holzvertäfelung im Gerichtssaal zunichte gemacht. ) Purpur war die kostbarste Farbe der Antike. Es wurden nur die edelsten Stoffe damit gefärbt. Die Herstellung dieser Farbe war das streng gehütete Geheimnis des byzantinischen Hofs und ging mit dem Untergang Konstantinopels verloren. Es wird angenommen, dass der Farbstoff aus der Purpurschnecke gewonnen wurde. Das heutige echte Purpur ist rötlicher und wird aus getrockneten weiblichen Schildläusen gewonnen. Für ein Kilo dieser Farbe sind etwa 140000 Läuse nötig.
Der ursprüngliche Name für diese Farbe war - Kermes - oder Scharlachrot. Kermes war unbedingt lichtecht und verblasste nicht im Laufe der Jahre. Der Fes der Mohammedaner, so ist es im Koran vermerkt, wird mit Kermes gefärbt.
1464 ordnete Papst Paul II. an, die Kardinalsgewänder künftig mit Scharlach statt mit Purpur zu färben. Ein weiterer roter Farbstoff ist Krapp. Er wird aus der Wurzel der Krapp-Pflanze gewonnen. Als Künstlerfarbe unter dem Begriff Krapplack noch heute erhältlich. Nach der Entdeckung Amerikas wurde ein neues, besseres Rot bekannt. Das Rot der Cochenillelaus. Diese Läusefarbe wurde schon von den Mayas zum Färben verwendet. Der organische Farbstoff der Cochenilleläuse wird heute noch für die Lebensmittel- und Kosmetikindustrie eingesetzt.
Mitte des 19. Jahrhunderts wurden die Naturfarben chemisch durch Anelinfarben ersetzt. Damit verlor Rot an Kostbarkeit, nicht aber an der symbolischen und emotionalen Bedeutung.
So spielte die Farbe Rot nicht nur in vergangenen Zeiten eine bedeutende symbolische Rolle. Sondern auch bis in unsere heutige Zeit ist die symbolische und emotionale Bedeutung wirksam.

Eine wichtige symbolische Bedeutung hat Rot im Straßenverkehr. Wer Rot nicht achtet, macht sich strafbar. Rot signalisiert: Stop, Gefahr. Alarmknöpfe, besondere Gefahrenhinweise , Verbotsschilder, Stop-Betreten nicht erlaubt sind daher rot. Wenn es im Auto irgendwo rot leuchtet, sollte man besser anhalten.

Rot als Signal in der Natur . Die grüne Erdbeere im grünen Blattwerk ist ohne optische Bedeutung . Erst im Reifeprozess von Gelb - Orange - zu Rot erreicht die Frucht im Reifezustand den größten Aufmersamkeitswert, rot im Kontrast zum grün der Blätter.

Rot als Kennzeichnung: Bei der Bestimmung der Temperatur 1000 ° ( thermochrome Farben ). Warmes Wasser / Dampf Kennfarbe nach DIN 2403 / Niedervolt-Gleichstromkreis / Straßenverkehr Gebote-Verbote.

Wie dpa kürzlich meldete, gibt die Autofarbe Auskunft über das Liebesleben des Fahrers. Danach lieben Frauen, wenn sie Single sind, ein aufreizendes Rot, während Menschen in festen Bindungen neutrale oder zurückhaltende Farben bevorzugen. Es ist zu vermuten, dass Singles Aufmerksamkeit auf sich ziehen wollen, während Verheiratete das nicht mehr nötig haben . Die Ergebnisse wurden von einer britischen Versicherung durch Angaben von 700 000 Autofahrern ausgewertet.

Neuste Meldungen: Zur Begründung der neuen Fußballtrikots der Deutschen Nationalmannschaft: - Rot steht für Aggressivität - Jürgen Klinsmann.
Meldung WDR vom 25.05.05: Nach Presseberichten sind Mannschaften in roten Trikots siegreicher als andersfarbige.
In einem Bericht der Zeitschrift Brigitte, Ausgabe 12/04 über Frauen im Strafvollzug, wird eine Aufseherin als freundlich bezeichnet. Nur wenn Sie rote Kleidung trage, sei Vorsicht geboten, da sie dann besonders geladen sei.
Am 09.02.2005 begann in China das Jahr des Hahns ( Neujahrsfest ). In den vergangenen Jahren ließen sich Frauen vom Schneider für diesen Tag rote Kleider anfertigen. Heute gab es an diesem Tag einen regelrechten Run auf die Kaufhäuser, mit dem Ergebnis, dass alle roten Dessous ausverkauft waren. Rot gilt in China als Farbe der Freude und des Glücks.

Politische Parteien benutzen die Farbe Rot als Symbol für ihr Erscheinungsbild. Die rote Fahne der Revolution, - Die Roten -, Die rote Armee, Rotchina, Die Roten Khmer. Auch in der Darstellung der Wahlergebnisse wird im Ergebnisbalken und in der Sitzverteilung die Farbe als Kennzeichnung der Partien eingesetzt.

Der rote Teppich wird auch heute noch ausgerollt. Bei Fluggesellschaften darf man beim Einchecken in der First Class auf einem roten Teppich stehen. Rot als Sex-Appell. Rote Lippen und rote Fingernägel u.a. haben eine große symbolische und damit emotionale Wirkung. Die Farbe macht aufmerksam. -Rote Lippen soll man küssen, denn zum Küssen sind sie da.........-. Die rote Laterne als Hinweis zu gewissen Etablissements. Wie bedeutend Rot in der Verwendung von Signalen ist, zeigt u.a. der Verbrauch der roten Farbe für die Kosmetik. Man streicht etwas rot im Kalender an. Der rote Faden zieht sich durch etwas. Man schreibt rote Zahlen ( Ausdruck auf den Bankauszügen ). Man sieht rot, wird rot vor Wut. Die rote Gefahr. Es ist mir ein rotes Tuch. Der würdige Empfang auf einem roten Teppich. Das ist ja ein Roter. Aber immer ist die Farbe eng verbunden mit den Gegenständen und Nutzungen. Ein roter Sportwagen, ja. Aber könnte ein Staatsoberhaupt in einem roten Wagen vorfahren, oder sich in einem roten Anzug präsentieren?

Der Film bedient sich bewusst der Farbe Rot als dramaturgisches Mittel. Eindrucksvoll zu erleben in -Fany und Alexander- von Ingmar Bergmann und in -Der Koch, der Dieb seine Frau und Ihr Liebhaber- von Peter Greenaway. Die Farbe als Struktur, Grenze und Symbol . In Greenaways Film wird Rot als Symbol für Blut, Fleischfresser, Aktivität und Gefahr eingesetzt.
- Greenaway benutzt nicht nur die strukturelle Kraft der Farben . Er bedient sich auch ihrer unmittelbaren Wirkung, wie Goethe sie erforschte-. Zitat Johannes Uhl.
In der Werbung wird die rote Farbe aufgrund ihrer schnellen Erfassbarkeit, ihres enormen Aufmerksamkeitswerts und ihres erotischen Aspekts bewusst und erfolgreich eingesetzt.

Da Tiere ein anderes Sehvermögen als Menschen haben, reagieren sie auf Rot nicht besonders, mit Ausnahme der Vögel. Vögel können Rot sehen. Tropische Blumen, die von Kolibris bestäubt werden, sind vorwiegend rot. Die Schlünde der sperrenden Jungvögel sind häufig rot. Die Möwen haben einen roten Punkt auf dem Schnabel, der von den Jungvögeln berührt wird, um die Muttertiere zur Fütterung anzuregen. Zur Paarungszeit ist die zusätzliche Einfärbung mit Rot signifikant. Die Farbe dient hier als Signalfarbe zur Partnererkennung, als Warn- und Anreizfarbe und Locksignal. Manche männlichen Tiere z.B. der Fregattenvogel bläst einen enormen roten Kehlsack auf, um auf sich aufmerksam zu machen. ( fast wie im menschlichen Verhalten ). Es ist aber eine falsche Annahme, dass der Stier auf ein rotes Tuch besonders gereizt reagiert. Er kann Rot als Farbe nicht erkennen, es sind vielmehr die Bewegung des Tuches und der Stich des Picadors, die den Stier reizen. Für die Zuschauer ist das rote Tuch natürlich eine starke emotionale Aufladung.

Psychologisch werden Menschen mit Vorliebe zu roten Farben bestimmte Eigenarten zugesprochen: positive Merkmale: Temperament, Offenheit, Tatendrang, Risikobereitschaft, Mut, Leidenschaft. Negative Merkmale: Triebhaftigkeit , Aggressivität, Herrschsucht, cholerisches Temperament , Rastlosigkeit.
Frieling vermerkt in seiner Testauswertung ( Frieling Farbtest ): "Bei ausgesprochenen Rotliebhabern liegt immer hohe Integrationsfähigkeit und Erlebnisbereitschaft vor. Starkes Ichbewusstsein, auch Stolz und Unabhängigkeitsstreben. Ablehnung von Rot kann im Zusammenhang mit zurückliegenden Erlebnissen wie ( Blut / Unfall / Gewalt ) und damit verbundenen Angstvorstellungen im Zusammenhang stehen."

In der Gestaltung mit Farben sollte Rot wegen seiner außerordentlich starken emotionalen Wirkung sehr sparsame Verwendung finden. In abgedunkelter Weise, als Terrakottarot oder Weinrot, kann sie geschickt eingesetzt und kombiniert mit anderen Farben eine sehr feine und elegante Wirkung zeigen.

In der Dichtkunst hat die Farbe als Übermittlung von Gefühlen eine grosse Bedeutung.

Erröte nicht, erröte nicht!
Was, sag, soll ich sonst denken:
Die leis errötend lächelt, wird
Bald ihren Kranz verschenken.
John Keats

Du innig Rot,
Bis an den Tod
Soll meine Lieb Dir gleichen,
Soll nimmer bleichen,
Bis an den Tod,
Du glühend Rot,
Soll sie Dir gleichen.
Karoline von Günderrode

Rote Nelke blüht im Garten,
Lässt verliebte Düfte glühen,
Will nicht schlafen, will nicht warten,
Einen Trieb nur hat die Nelke:
Rascher, heißer, wilder blühen!
Hermann Hesse

Verlorene Liebe
Locken hatte sie wie deine,
Bleiche Wangen, Lippen rot-
Ach, du bist ja doch nicht meine,
Und mein Lieb ist lange tot !
Joseph von Eichendorff

Im Lippenrot, an den Nüstern und Fingernägeln
enthüllt sich die Farbe der inneren Haut.
Auch das Futter der Kleider denken wir uns rot,
und wir lieben es, dass diese Grundfarbe hervorleuchtet,
wo der äußere Soff geschlitzt, oder wo er umgeschlagen ist.
Das ist der Sinn der roten Aufschläge, Krempen , Kragen, Biesen
und Knopflöcher, aller roten Dessous ...

Auf jeden Fall geht man ein Wagnis ein, wenn man die rote Farbe trägt,
und man pflegt sie daher meist so zu zeigen, als ob sie durch Unordnung
sichtbar geworden wäre, durch Öffnungen und Risse hindurch
oder als verschobenen Saum. ...
Ernst Jünger

Literaturnachweise:

Goethe Die Farbenlehre Kohlhammer
Eckart Heimendahl Handbuch der Farbe DuMont 1988
Eva Heller Wie Farben wirken Rowohlt 1989
Hans Gekeler Handbuch der Farbe DuMont 1998
Dr. Heinrich Frieling Das Gesetz der Farbe Musterschmidt 1969
Dr. Heinrich Frieling Farbe im Raum Callwey 1974
Dr. Heinrich Frieling Der Frieling - Test Dr. Heinrich Frieling und Elmar Th. Schmidt Herausgeber und Verlag Institut für Farbenpsychologie, Marquartstein
Ingrid Riedel Farbe in Religion, Gesellschaft, Kunst und Psychotherapie Kreuz 1999
Hesselgrens Farbenatlas T. Palmer AB Stockholm 1953
RAL Farbregister
Gisela Linder Rot Farbe der Liebe, Texte und Bilder Insel Verlag 2003
Joachim Schultz Der Zauber der Farben, Eine Auswahl von Gedichten dtv 2003
Joachim Knuf Unsere Welt der Farben DuMont 1988
Welsch/Liebmann Farben, Natur, Technik, Kunst Spektrum 2004
Prof.Dr. Höger/
H. Janiesch
Farbe ins Heim/Farbe und ältere Menschen KDA 1697
Heide Nixdorff/
Heidi Müller
Weiße Westen - Rote Roben Staatl. Museen, Preußischer Kulturbesitz 1983
Lothar Gericke/
Klaus Schöne
Phänomen der Farbe Henschelverlag 1970
Ingried Brugger/
Joseph Kiblitsky/
Jewgenia Petrowa/
Klaus Schröder
Rot in Russischer Kunst Kunstforum Skira 1998

Hermann Janiesch im Mai 2005
Letzte Korrektur: 07.03.07

Es folgt das Wesen der Farbe BLAU